2017 – Derzeit

Derzeit – 
Aktuelle künstlerische Positionen aus dem Kreis Gütersloh

Simone Beckmann – Kostüme/Performance-Video
Franziska Jäger – Malerei
Birgit Peterschröder – Zeichnung
Ina Schulte – Malerei

10.9.-15.10.2017

„derzeit“ ist ein Ausstellungs-Format des Kunstvereins Kreis Gütersloh, das jährlich eine Auswahl aus dem breiten, aktuellen Repertoire des künstlerischen Schaffens im Kreis präsentiert.

Nachdem große Kunstereignisse wie Documenta und Co. viel Schelte wegen ihres kuratierten Zeitgeist-Blickwinkels einstecken müssen, richten die Kunstvereine wieder vermehrt den Blick auf die Frage: was beschäftigt den Künstler wirklich, fernab der künstlerisch-sozial-förderungswürdigen Projekte? Bereits im dritten Jahr in Folge geht der Kunstverein Kreis Gütersloh dieser Frage nach.

Die Kunstszene vor Ort bietet eine große Vielfalt an Themen und Techniken, vom Zeichner über Maler, Bildhauer bis hin zum Performance Künstler reicht das Arbeitsfeld. Um dem Einzelnen und seinem Werk besser gerecht zu werden, können wir immer nur eine Auswahl von Künstlern zeigen. Allerdings möchte ich an dieser Stelle auf unsere die Rubrik „Künstler im Kreis Gütersloh“ auf unserer Website verweisen. Hier können Sie sich einen Überblick über circa 40 Künstler verschaffen. 

Die Ausstellung derzeit 2017 zeigt Werke von vier Künstlerinnen, deren Bandbreite künstlerische Ausdrucksmittel vom Zeichnen über Malerei bis hin zu Kostümen für Performances reicht.

 

Simone Beckmann

Mit ihrer opulenten Performance „Die Geburt der Venus“ (eine Hommage an Botticelli) sorgte Simone Beckmann bereits auf der Expo in Hannover für Aufsehen.

Mit überbordender Üppigkeit, barocker Freude an Inszenieren und Provokationen nimmt sie uns in erzählerischer Weise mit in ihre schillernden Geschichten.

Sie kombiniert Feuer, Malerei Kostüm und Bühnenbild zu ihrem künstlerischen Ausdrucksmittel. Spektakulär kommen ihre Performances daher, mit brennendem Pinseln, Kostümen aus Recyclingmaterial, Pyrotechnik und Aktmodell. Hier verbindet Simone Beckmann ihren malerischen Ansatz mit der Inszenierung.

Sie zeigt uns schrille rätselhafte Bildwelten, voller Witz und Ironie. Sie appelliert an unsere Urinstinkte und versetzt den Betrachter in Staunen wie ein Kind. Sie vermittelt Glücksmomente und Erschrecken. Darf ernstzunehmende  Kunst das? Ja, denn Kunst betrifft alle Bereiche des Lebens.

So sehr wir von der inszenierten Geschichtenwelt der Simone Beckmann fasziniert sind, so leicht übersehen wir die Themenkomplexe dahinter. Ihre Themen variieren von leichten Performances als Hommage an berühmte Gemälde, bis hin zu Werken über Religion und Zwangsprostitution. Letzteres aufgeführt mit dem Titel „Schwarze Madonnen“ im Frauenmuseum in Bonn.

Zum ersten Mal sind nun in einer Ausstellung neben Videos ihre aus Recycelmaterial gefertigten Kostüme zu sehen.

 

Franziska Jäger

Der krasse Gegenpart begegnet uns in den Arbeiten von Franziska Jäger.

Ihre aktuelle Schaffensperiode ist geprägt vom Schwarz. Schwarz ist die tiefgründigste aller Farben, wenn sie so verwendet wird wie in den Gesichtsstudien von Franziska Jäger.

Sie erkundet mit malerischen Mitteln das Spiel mit Licht und Schatten, dessen Einfluss auf Erkennbarkeit eines Objekts. Hier zählt nicht das Gesicht im Sinne eines Portraits, vielmehr wird es zum Synonym eines menschlichen Gesichts. Sie stellt sich die Frage: wie weit kann ich gehen mit der Verfremdung und dennoch eine Erkennbarkeit erzeugen?

Eine der malerischen Antworten finden wir in der mittleren Etage, einen Kopf wie ein Farbklecks und dennoch als Gesicht erkennbar.

Franziska Jägers Malerei ist mehrschichtig, im wahrsten Sinne des Wortes. Bild Vordergrund, -Mitte und -Hintergrund Sind auf unterschiedlichen Ebenen auf verschiedenen transparenten Trägermaterialien gearbeitet. Das heißt, ihr Malgrund ist nicht ausschließlich Leinwand, Folie findet ebenso Verwendung.

Mit diesem Kunstgriff erweitert sie ihr Experimentierfeld. Dem malerischen Auflösen kommt so ein räumliches Auflösen von Formen hinzu. Die dadurch entstandenen Ebenen ermöglichen der Künstlerin wie dem Betrachter, ein Spiel der permanenten Veränderung von Form, durch die Veränderung des eigenen Blickwinkels. So wird die Malerei zur Inszenierung.

 

Birgit Peterschröder

Die Arbeiten von Birgit Peterschröder hingegen meinen das Gesicht tatsächlich als Portrait.

Als Mitglied der internationalen community der Urban Sketchers ist sie nicht nur mit ihren Arbeiten in zahlreichen Ausstellungen vertreten, diese Gruppe stellt sich auch künstlerische Aufgaben. So ist Urban Sketsches nicht nur der Titel von Serien, es ist gleichzeitig auch ein Programm nach dem Motto: wer zeichnet sieht mehr vom Leben.

Birgit Peterschröder erkundet zeichnerisch die Umgebung und hält das Gesehene fest, tagebuchgleich. In Skizzenbüchern, mit Farbstiften, Aquarell und Markern. Wichtig ist die Spontanität, das Gesehene und Erlebte als zeichnerischen Kommentar wiederzugeben. Mit schnellem, reduziertem Strich, vereinfacht sie Charaktere auf das Wesentliche, interpretiert Situationen, fängt den Moment zeichnerisch ein.

So auch bei ihrem aktuellen Projekt: 100 Portraits von Rietberger Bürgern in einer Woche. Alle zu Gast bei Birgit Peterschröder zu Hause und in Zeichnungen festgehalten.

Schon logistisch war diese Aufgabe eine Herausforderung. Über Zeitungsartikel aufgefordert, kamen die Menschen von morgens bis spät abends zu ihr. Das heißt eine Woche ununterbrochen am Zeichentisch, sich alle Viertelstunde auf eine neue Situation einstellen.

Es entstanden 140 Portraits. Randgeschichten dieser Begegnungen geben wieder Stoff für spätere Skizzen. Die zeichnerische Beschäftigung mit den Menschen runden für Birgit Peterschröder das Bild der Städtelandschaft ab. Sie verschafft sich so ein Gesamtbild Ihrer Umgebung.

Die künstlerische Motivation hinter diesem Projekt? Neugierde! Ein Künstler interessiert sich immer für seine unmittelbare Umgebung und er reagiert mit seinen Ausdrucksmitteln darauf.

 

Ina Schulte

Auch bei Ina Schulte ist die Grundlage für ihre Bilderwelt in der Reaktion auf ihre Umgebung zu sehen. Jedoch ist ihre Methode grundlegend anders.

Ihre eigenen Gedanken und Beobachtungen zum Alltag zeigen die Malerei der Winkler-Preisträgerin Ina Schulte. Sie reflektiert und formuliert das ganze Leben um sich herum. Ihr Zeichnen ist wie Schreiben, es ist eine Sprache.

In Skizzenbüchern und Gedichtbüchern, die hier auf Nachfrage im Original einzusehen sind, rundet sich das Werk ab.

Malerisch beherrscht Ina Schulte die Kunst des Weglassens. Mit Farbspuren lenkt sie den Betrachter, führt ihn zu fertigen Bildern im Kopf.

Ihre starken, vielschichtigen Öl-Bilder zeichnen sich nicht nur durch eine fragmenthafte Malerei aus, entscheidend ist auch der Umgang mit den großzügigen Weißflächen. Sie ermöglichen dem Betrachter einen Spielraum, die eigenen Gedanken weiter zu tragen, über den Bildrahmen hinaus, sich zu verlieren um letztendlich vom Gesamten doch wieder ins Bild zurückgeholt zu werden.

Dies gilt auch für ihre flüchtigen Farbstift-Zeichnungen. Aus scheinbar gestischen Strichen entwickeln sich bei genauer Betrachtung Figurfragmente, die zu einem erzählerischen Moment zusammen wachsen.

Ihre Geschichten Handeln vom Hoffen, vom Suchen und Finden. Die Andeutungen ziehen den Betrachter in ihren Bann und er muss sich einlassen, um Ina Schultes oder seine eigenen Geschichten herauszufiltern.

Ina Schultes kleinen Zeichnungen und die großen Malereien zeigen Werke im Hier und Jetzt.

 

Finissage und Künstlergespräch: im Café des Kunstvereins Kreis Gütersloh, Sonntag, 15.10. um 16 Uhr

Performance von Simone Beckmann am 16. September um 18 Uhr im Parkbad Gütersloh