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Zwölf künstlerische Positionen

8.3. – 12.6.2020

Hirmiz Akman
Saskia Averdiek
Azim F. Becker
Helene Büker
Martin Collmann
Anne Ewen
Janina Kilimann
Marvin Knopf
Stella Metzig
Jakob Schöning
Jasper Tiemeyer
Nicole Widner

Die Ausstellung zeigt eine Auswahl aus dem breiten Repertoire des jungen künstlerischen Schaffens. Alle Künstler haben an der Universität Osnabrück Kunst studiert.

Die Werke der zwölf Künstler, deren Bandbreite künstlerischer Ausdrucksmittel von Zeichnung, Malerei, Grafik und Skulptur bis hin zu Video und Medieninstallation reicht, setzen sich mit Themen unserer Zeit auseinander. Gesellschaftspolitische Anmerkungen finden ebenso statt wie ästhetische Fragestellungen zu Raum und Bild, Auflösung, Materialität, Form, Farbe und dem Schaffensprozess als künstlerische Handlung.

 

 

Hirmiz Akman – Malerei, Zeichnung
Raum und Bild ist das Thema der malerischen Inszenierung. Gäbe es den Raum nicht, so würde die Malerei nicht existieren. Malerei lebt vom Raum und steht immer im Bezug zu diesem. Wo aber befindet sich die Grenze zwischen Malerei und Raum? Diese Arbeiten löst die Grenzen zwischen Bild und Raum auf. Sie geht von der Leinwand auf die Wand über in den Raum hinein. Der Betrachter betritt ein Szenario.
Gleichzeitig sind die Arbeiten eine Beschäftigung mit dem menschlichen Gesichtsausdruck, jedoch aus seinem Kontext gerissen. Eingebettet in eine abstrakt-undefinierbare Form, um sich selbst neu zu definieren.
(Hirmiz Akman ist Preisträger des BBK Bielefeld-Kunstpreis 2019)

 

 

Saskia Averdiek – Malerei, Zeichnung
Meine Malereien und Zeichnungen sind stets ungleiche Zwillinge, die gleichzeitig und beidhändig entstehen und die Grenzen von Kontrolle und Zufall ausloten. Auf dem linken Bild kontrolliere ich das Motiv mit meinen Blicken und meine schwache Hand lässt zittrige Motive entstehen. Auf der rechten Seite läuft der Pinsel oder Stift mit kräftigem Strich unbeobachtet mit. Durch die fehlende Kontrolle zerfallen die Formen dort und verlieren ihre Gegenständlichkeit. Ich beziehe so die Betrachtenden mit ein und ermögliche ihnen, durch das vergleichende Anschauen beider Bilder, den Malprozess nachzuvollziehen.
(Saskia Averdiek ist Preisträgerin des Piepenbrock Kunstförderpreis 2019, Disziplin Malerei und
des BBK Bielefeld-Kunstpreis 2019)

 

 

Azim F. Becker – Grafik, Medieninstallation, Video, Skulptur
Die Gesamtkunstwerke bedienen sich verschiedenster Medien wie, Malerei, Grafik, Bildhauerei, Video,  Medienkunst oder Installation.
Ausgehend vom reinem Graffiti ist der urbane Raum in seiner Gesamtheit das zentrale Thema der Arbeiten. Sie sind gesellschaftskritisch und mit einer leichten Note seines persönlichen Humors versehen. Mit der Urban-Art werden die Einflüsse der Straße in den Ausstellungsraum holt. Den Künstler interessiert die Frage, wie verhält sich das Werk, wird es museal oder bleibt es Straßenkunst?
Die Medieninstallationen spiegeln das Thema Überwachung. In der interaktiven Installation schlüpft der Betrachter in die Rolle des Beobachters, des Voyeuristen und des Opfers gleichzeitg.
Mit Konflikt und dessen Auflösung beschäftigt sich das preisgekrönte Video „Kesamarataan“.
(Azim F. Becker ist Preisträger des Piepenbrock Kunstförderpreis 2019, Disziplin Installation
und des Münzenberg-Forum-Berlin 2019, Disziplin Video und des BBK Bielefeld-Kunstpreis 2019)

 

 

Helene Büker – Video
GESEKE
Wir haben den Wunsch, Erlebnisse und Menschen auf Fotos festzuhalten, ein Verschwinden zu verhindern, doch oftmals verblassen Erinnerungen mit der Zeit. Der Kurzfilm „Geseke“ hört beim Erinnern zu und zeigt das Verblassen.
GEHEIME GÄRTEN
Verborgen vor den Blicken der Allgemeinheit wächst und gedeiht es in den geheimen Gärten. Der Kurzfilm macht einige dieser  verborgenen Orte sichtbar und eröffnet Einblicke, die sonst der Mehrheit verwehrt bleiben. Es entstehen Fragen nach Intimität, Sinnlichkeit und Schönheit.
(Helene Büker ist Preisträgerin des Piepenbrock Kunstförderpreis 2018, Disziplin Video)

 

 

Martin Collmann – Grafik, Mixed Media
Die Arbeiten bestechen durch spielerischen Umgang mit Materialien. Die Mixed Media-Figuren sind das pure Vergnügen am Experiment, das den Betrachter mitreißt. Es entsteht ein Moment der Spannung, bei dem der Betrachter die Figuren rein sinnlich erschließt, da sie sich einer eindeutigen Kategorisierung entziehen. Die Figuren zeigen menschliche Züge in verschiedenen Facetten. Die Art der Inszenierung, den ganzen Raum überbordend gefüllt zu einer Box werden zu lassen, die der Besucher passieren muss, entspricht dem Grundmaterial Karton.
(Martin Collmann ist Preisträger des BBK Bielefeld-Kunstpreis 2019)

 

 

Anne Ewen – Radierung, Zeichnung
„Die Autonome Frottage“ ist eine Serie von Radierungen, die sich mit der Frottage im Tiefdruck befasst. Mittels der Weichgrundätzung gelingt es, Abdrücke alltäglicher Gegenstände wie z. B. von Pflanzenfasern oder Gummibändern in die Kupferplatte zu ätzen. Das Experiment steht dabei im Vordergrund. Das Druckergebnis lässt kaum Rückschlüsse auf den ursprünglichen Gegenstand zu. Die Bildidee erwächst sukzessiv und aleatorisch, in Abhängigkeit der durch den Materialdruck entstehenden Strukturen. Die Materialität der Arbeitsmittel wird zum Sujet der vorgestellten Arbeiten und lässt im Zusammenspiel der unterschiedlichen Radiertechniken kontinuierlich wachsende Bildwelten entstehen, die trotz ihrer formalen Ähnlichkeit immer individuell sind.

 

 

Janina Kilimann – Malerei, Zeichnung, Lithographie, Skulptur, Video
In allen Werken sind Fragmente die Ausgangsbasis für das Entstehende. Das dialogische Für und Wider lässt eine Wurzel, den Zusammenhang erkennen lassen. Große Formate lassen dem Betrachter viel Raum für Entdeckungsreisen im Bild und ins Bild.
Die Lithographien entsprechen durch ständiges Überarbeiten dem gleichen Prinzip des Arbeitens. Alles ist im Wandel, nichts bleibt wie es ist.
Auch die Skulpturen sind ein formales und materielles Experiment. Sie bewegen sich zwischen totaler Auflösung und geschlossener, erkennbarer Form. Ein Fixierspiel, das den Betrachter auffordert, sich einzulassen.
Selbst im Zeichentrickfilm setzt sich der malerische Umgang mit allem fort.
(Janina Kilimann ist Preisträgerin des BBK Bielefeld-Kunstpreis 2019)

 


 

Marvin Knopf – Malerei
Die Serie „Es ist was es ist“ zeigt gegenstandslose Malerei auf ungrundierter Leinwand. Der Farbauftrag erfolgte intuitiv und gefühlsgesteuert. Große Gesten und kleine Kritzeleien wechseln sich ab, überlagern einander und bilden Kompositionen, die schwerelos auf der Bildfläche zu schweben scheinen. Die Arbeitsweise orientiert sich am abstrakten Expressionismus und dem Informel, sodass die Bilder reine Momentaufnahmen ohne thematischen Hintergrund sind, dem Betrachter aber dennoch durch Farbe und Form ein Gefühl vermitteln.
Betitelt ist die Serie nach einem Gedicht von Erich Fried, in dem die Liebe wiederholend alle Einwände mit den Worten „Es ist was es ist“ ausräumt und so eine Lanze für das Wagnis und die Akzeptanz des Ist-Zustandes bricht. Der Entstehungsprozess jedes Bildes war ebenfalls von Wagnissen gekennzeichnet, da aufgrund der fehlenden Grundierung und der komplexen Kompositionen keine Korrekturen vorgenommen werden konnten. Dementsprechend ist das Ergebnis, der Ist-Zustand von Zufällen und Konsequenzen geprägt, die beim Entstehen billigend in Kauf genommen wurden.

 

 

Stella Metzig – Skulptur
Die Arbeiten sind emotional aufgeladene Werke: Skulpturen, durch die innere Bilder unzensiert nach außen transportiert werden. In der Arbeit wird Material, das weggeworfen, verloren wurde, zur materiellen Banalität und erhält als Teil des Werks einen neuen Wert. Gleichzeitig ist es eine kryptische Verbindung vom persönlichen Innersten zum öffentlich Erfahrbaren. Die Arbeitsprozesse empfinden die Themen nach: Auf gesellschaftlicher wie auch persönlicher Ebene handeln die Werke von Zerrissenheit, Konflikt und Wut, aber auch von Regeneration, Freiheit und Humor.

 

 

Jakob Schöning – Malerei
Es geht um Bandenbildung und Mob-Mentalitäten in diesen Malereien. Die Bilder erzählen vom Zusammenrotten an den Rand gedrängter Menschen und erzeugen eine Atmosphäre der Gefahr. Opfer offenbaren ihre Täterseiten und anders herum. Im Zusammenspiel von Dargestelltem und Farbe entsteht ein ambivalentes Feld zwischen Heiterkeit und Beklemmung.

 

 

Jasper Tiemeyer – Malerei, Skulptur
Die Ästhetik in der Kunst erforschen diese Werke. Skulptur und Malerei als Reaktion aufeinander. Zusammenhänge und Verhältnisse von Linie und (Frei-)Fläche, Brüche und Zwischenräume in organischen Formen werden ausgelotet. Die Skulpturen sind formale Arrangements, die den ästhetischen Aspekt mit aller Gegensätzlichkeit der Materialien ausloten. Variabel beziehen sie sich auf den Raum, sehen mit jeder Präsentation anders aus.

 

 

Nicole Widner – Skulptur
Die plastische Arbeiten entstehen aus einem gelenkten Experiment und der Interaktion mit dem Material Zucker. Dieser durchläuft durch Erhitzen verschiedene Aggregatzustände und wird währenddessen unterschiedlich beeinflusst. Es werden Lebensmittel und Naturmaterialien zugefügt, die durch Ihre Farbe und Beschaffenheit herausstechen und eine Symbiose mit dem Zucker eingehen.
Ein kontinuierlicher Forschungsprozess findet statt, der bestimmt wird durch intuitives Handeln, sinnliche Wahrnehmung und das erwartete und unerwartete Verhalten der Materialien.
(Nicole Widner ist Preisträgerin des Piepenbrock Kunstförderpreis 2019, Disziplin Bildhauerei)